Der Index der menschlichen Entwicklung (englisch Human Development Index, abgekürzt HDI) der Vereinten Nationen ist ein Indikator für Staaten, der auch als Wohlstandsindikator bezeichnet wird. Der HDI wird seit 1990 im jährlich erscheinenden Bericht über die menschliche Entwicklung (englisch Human Development Report) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) veröffentlicht.

Der HDI berücksichtigt nicht nur das Bruttonationaleinkommen pro Kopf, sondern auch die Lebenserwartung und die Dauer der Ausbildung anhand der Anzahl absolvierter Schuljahre einer 25-jährigen Person sowie der voraussichtlichen Dauer der Ausbildung eines Kindes im Einschulungsalter. Der HDI wurde im Wesentlichen von dem pakistanischen Ökonomen Mahbub ul Haq entwickelt, der eng mit dem indischen Ökonomen Amartya Sen sowie dem britischen Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Meghnad Desai zusammenarbeitete.

Als Zusatz veröffentlicht das UNDP jedes Jahr den ungleichheitsbereinigten Index der menschlichen Entwicklung (IHDI: Inequality-adjusted Human Development Index). Dieser ergänzende Index ist ein Maß für menschliche Entwicklung, das auch die Ungleichheit in Bildung, Gesundheit und Einkommen berücksichtigt.

Geschichte

Die grundlegende Motivation für die Entwicklung des Index der menschlichen Entwicklung 1990 war nach dem indischen Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen die mangelnde Aussagekraft vorheriger Messinstrumente (etwa Beurteilung der Entwicklung nach dem Bruttoinlandsprodukt). Der HDI sollte eine Messung des Entwicklungsstandes ermöglichen, die eher den Bedürfnissen der Menschen entspricht und so viele Aspekte der Entwicklung berücksichtigt, als es einem relativ simplen Index möglich ist. Mahbub ul Haq, einer der Erfinder des HDI, führte dazu aus, dass Entwicklung die Möglichkeiten der Menschen vergrößern solle. Zu den Entwicklungszielen gehören deswegen beispielsweise auch Werte wie Ernährung, Gesundheit, Bildung, Freizeit sowie Möglichkeiten der Mitbestimmung der Menschen.

In der Einleitung des ersten Human Development Reports von 1990 hieß es zu dessen Ziel:

Berechnungsmethode

Seit 2010 (NHDI)

Ab dem Bericht über die menschliche Entwicklung 2010 werden die drei Dimensionen folgendermaßen berechnet:

  1. Lebenserwartungs-Index: LEI = LE 20 85 , 0 20 {\displaystyle {\text{LEI}}={\dfrac {{\text{LE}}-20}{85{,}0-20}}}
  2. Bildungs-Index: BI = DSDI VSDI 2 {\displaystyle {\text{BI}}={\dfrac {{\text{DSDI}} {\text{VSDI}}}{2}}}
    2.1. Durchschnittliche-Schulbesuchsdauer-Index: DSDI = DSD 0 15 , 0 0 {\displaystyle {\text{DSDI}}={\dfrac {{\text{DSD}}-0}{15{,}0-0}}}
    2.2. Voraussichtliche-Schulbesuchsdauer-Index: VSDI = VSD 0 18 , 0 0 {\displaystyle {\text{VSDI}}={\dfrac {{\text{VSD}}-0}{18{,}0-0}}}
  3. Einkommensindex: EI = ln ( BNEpk ) ln ( 100 ) ln ( 75000 ) ln ( 100 ) {\displaystyle {\text{EI}}={\dfrac {\ln({\text{BNEpk}})-\ln(100)}{\ln(75000)-\ln(100)}}}

Zum Schluss wird der HDI als geometrisches Mittel aus den drei Dimensionen errechnet: HDI = LEI BI EI 3 . {\displaystyle {\text{HDI}}={\sqrt[{3}]{{\text{LEI}}\cdot {\text{BI}}\cdot {\text{EI}}}}.}

Die minimalen und die maximalen Werte (Zielwerte) dienen zur Normalisierung der Teilindizes im Wertebereich [0;1].

Zur Unterscheidung von der ursprünglichen Methode wird der nach dieser Methode bestimmte Index teilweise auch New Human Development Index (NHDI) genannt.

2009 und 2010

Der Faktor der Lebenserwartung gilt als Indikator für Gesundheits­fürsorge, Ernährung und Hygiene; das Bildungs­niveau steht, ebenso wie das Einkommen, für erworbene Kenntnisse und die Teilhabe am öffentlichen und politischen Leben für einen angemessenen Lebensstandard.

Es existieren drei Hauptindizes, wobei die Bildung in drei Unterindizes aufgespalten ist:

Die Grenzwerte sind diejenigen Minima und Maxima, die jemals von einem Land erreicht wurden.

Die Indizes I für A, B1 und B2 errechnen sich nun zu

I Teilindex = Wert Teilindex min Teilindex max Teilindex min {\displaystyle I_{\text{Teilindex}}={\dfrac {{\text{Wert}}-{\text{Teilindex}}_{\text{min}}}{{\text{Teilindex}}_{\text{max}}-{\text{Teilindex}}_{\text{min}}}}}

Der Bildungsindex B berechnet sich zu

B = I B 1 I B 2 B 3 max {\displaystyle B={\frac {\sqrt {I_{B1}\cdot I_{B2}}}{B3_{\text{max}}}}}

Der Einkommensindex Z berechnet sich zu

Z = ln ( C ) ln ( C min ) ln ( C max ) ln ( C min ) {\displaystyle Z={\frac {\ln(C)-\ln(C_{\text{min}})}{\ln(C_{\text{max}})-\ln(C_{\text{min}})}}}

Daraus berechnet sich der HDI zu

HDI = I A B Z 3 {\displaystyle {\text{HDI}}={\sqrt[{3}]{I_{A}\cdot B\cdot Z}}}

Daraus ergibt sich, dass der HDI Werte zwischen Null und Eins annimmt. Die UNDP unterteilt die Länder nach dem HDI-Wert seit 2009 in vier Entwicklungskategorien:

  • HDI ≥ 0,800: Länder mit sehr hoher menschlicher Entwicklung
  • HDI ≥ 0,700: Länder mit hoher menschlicher Entwicklung
  • HDI ≥ 0,550: Länder mit mittlerer menschlicher Entwicklung
  • HDI < 0,549: Länder mit geringer menschlicher Entwicklung

Vor 2009

Die Berechnungsmethode vor 2009 unterscheidet sich maßgeblich von der aktuellen. So wurde im alten HDI für den Teilindex B auch die Alphabetisierungsrate der Erwachsenen mit zwei Dritteln Gewichtung gezählt und die kombinierte primäre, sekundäre und tertiäre Bruttoeinschulungsquote mit einem Drittel der Gewichtung.

Da man Schulen und Lehrkraftqualifikationen in Entwicklungsländern jedoch nicht mit denen in Industrieländern gleichsetzen kann, wurde der Index zugunsten der reinen Schuldauer und erwarteten Ausbildungszeit neu geschaffen.

Kritik

Die Aussagekraft des HDI wird kontrovers diskutiert. Streitpunkt ist etwa die Gewichtung der Aspekte der menschlichen Entwicklung, wobei unterschiedliche Beurteilungen darüber herrschen, welche Aspekte einzubeziehen sind und wie hoch diese beurteilt werden sollten.

Die Konstruktion des HDI wurde in den vergangenen Jahren mehrfach verändert (beispielsweise bei der Behandlung des Einkommens oder der Modifikation von Ober- und Untergrenzen). Daraus resultiert ebenfalls eine eingeschränkte Vergleichbarkeit der Daten über die Jahre.

Der HDI wird aus Gründen der Redundanz kritisiert, da die im HDI festgehaltenen Indikatoren sehr stark mit dem Bruttonationaleinkommen pro Kopf korrelieren.

Der HDI wird auch dafür kritisiert, keine ökologischen Faktoren zu berücksichtigen. Nach Angaben des World Wide Fund For Nature (WWF) haben aktuell Länder mit einer sehr hohen menschlichen Entwicklung einen besonders großen ökologischen Fußabdruck. Die Organisation geht davon aus, dass gegenwärtig kein einziges Land die Bedingungen eines angemessenen Lebensstandards und die eines erdverträglichen ökologischen Fußabdrucks erfülle. Da ein intaktes Ökosystem als Grundlage für menschliches Wohlergehen und eine hohe Lebenserwartung gesehen werden könne, sollte nach Auffassung des WWF der ökologische Fußabdruck als Faktor des HDI berücksichtigt werden.

Index der menschlichen Entwicklung 2022 – Rangliste

Die Rangliste des HDI 2022 wurde im Rahmen des HDR 2023/2024 am 13. März 2024 veröffentlicht.

Sehr hohe menschliche Entwicklung

Hohe menschliche Entwicklung

Mittlere menschliche Entwicklung

Geringe menschliche Entwicklung

Im HDI nicht berücksichtigte Länder

Für folgende Länder und abhängige Gebiete wird kein Indexwert im Bericht über die menschliche Entwicklung veröffentlicht:

  1. Kosovo Kosovo
  2. Macau Macau
  3. Monaco Monaco
  4. Korea Nord Nordkorea
  5. Puerto Rico Puerto Rico
  6. Taiwan Taiwan
  7. Vatikanstadt Vatikanstadt
  8. Westsahara Westsahara

Die höchstentwickelten Länder seit 1975

Ein Rückblick auf die jährlichen Platzierungen beim Index der menschlichen Entwicklung zeigt, dass seit 1997 meist Norwegen Platz 1 einnahm:

Anmerkung: Die Berechnungsmethode des Index wurde ab 1990 verändert.

Entwicklung der Länder nach HDI seit 1990

Folgende Liste gibt einen Überblick über die Entwicklung des Human Development Index verschiedener Länder seit dem Jahre 1990. Alle Werte sind nach der heutigen Berechnungsmethode ermittelt.

Subnationale Regionen nach HDI

Weitere im Bericht über die menschliche Entwicklung veröffentlichte Indizes

Neben den Einzelkomponenten des Index der menschlichen Entwicklung werden im Bericht über die menschliche Entwicklung (englisch Human Development Report) auch Modifikationen des Index und zusätzliche Indizes ausgewiesen:

  • Ungleichheitsbereinigter Index der menschlichen Entwicklung (Inequality-adjusted Human Development Index)
  • Index der menschlichen Entwicklung, bereinigt um Belastungen für die Erde (PHDI: Planetary pressures–adjusted Human Development Index; erstmals im Report 2020 aufgeführt)
  • Index der geschlechtsspezifischen Entwicklung (GDI: Gender Development Index)
  • Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (GII: Gender Inequality Index)
  • Multidimensionaler Armuts-Index: Entwicklungsländer (Multidimensional Poverty Index: developing countries)

Siehe auch

  • Liste der Länder nach durchschnittlicher Lebenserwartung
  • Liste der Länder nach Bildungserwartung
  • Liste der Länder nach Bruttonationaleinkommen pro Kopf
  • Liste der Länder nach Einkommensverteilung
  • Frauenbeteiligungsindex (GEM: Gender Empowerment Measure)
  • Korruptionswahrnehmungsindex (Corruption Perceptions Index)
  • Freiheitsindex (Liste von Indices)
  • Demokratieindex (Zeitschrift The Economist)

Literatur

Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP: United Nations Development Programme, New York):

  • 2021/2022: Human Development Report 2021/2022 – Uncertain Times, Unsettled Lives: Shaping our Future in a Transforming World. New York, 8. September 2022, ISBN 978-92-1-001640-7 (englisch, Downloadseite).

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen (Übersetzungen und Zusammenfassungen, Berlin):

  • 2020: Bericht über die menschliche Entwicklung 2020. 17. März 2021 (Downloadseite).
  • 2019: Bericht über die menschliche Entwicklung 2019. 15. Januar 2020 (Downloadseite).
  • 2018: Menschliche Entwicklung: Zahlen und Fakten 2018 – Statistisches Update zum Human Development Report. Berlin, 14. Dezember 2018 (Downloadseite).
  • 2016: Bericht über die menschliche Entwicklung 2016: Menschliche Entwicklung für alle. Berlin, 21. März 2017 (Downloadseite).
  • 2015: Bericht über die menschliche Entwicklung 2015. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-8305-3618-5 (PDF: 9,3 MB, 328 Seiten auf archive.org).

Sonstige Literatur:

  • 2009: Hendrik Wolff, Howard Chong, Maximilian Auffhammer: Human Development Index: Are Developing Countries Misclassified? Arbeitspapier. Januar 2009 (englisch; PDF: 463 kB, 36 Seiten auf ageconsearch.umn.edu).
  • 2007: Elizabeth A. Stanton: The Human Development Index: A History. In: Working Paper Series. Nr. 127. Political Economy Research Institute, University of Massachusetts, Amhers, Februar 2007 (englisch; Global Development and Environment Institute, Tufts University; PDF: 431 kB, 37 Seiten auf peri.umass.edu).

Weblinks

  • HDI:  Human Development Index (HDI) 1990–2019 (englisch; archivierte Tabelle).
  • IHDI: Table 3: Inequality-adjusted Human Development Index (2017) (englisch; archivierte Tabelle).
  • Eckhart Ribbeck: Human Development Index (HDI). Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). 17. September 2008 (archivierte Besprechung).

Einzelnachweise


Human Development Index • Definition Gabler Wirtschaftslexikon

Index der menschlichen Entwicklung (HDI) Portal Globales Lernen

Human Development Index 2024 India Rank Olva Tommie

humandevelopmentindexdiagram1024 Public Health Notes

Der Index der menschlichen Entwicklung (HDI) Menschliche entwicklung