O komm, du Geist der Wahrheit ist ein evangelisch-lutherisches Kirchenlied zum Pfingstfest. Der Pastor und spätere Superintendent Philipp Spitta schrieb es wohl zu Pfingsten 1827 im Domänendorf Lüne bei Lüneburg und veröffentlichte es 1833 in seiner Liedersammlung Psalter und Harfe. Der Text ist ein Bittgebet zum Heiligen Geist um Bekennermut in „glaubensarmer Zeit“.

Entstehung

Philipp Spitta nahm nach dem ersten theologischen Examen, wie viele Pfarramtskandidaten seiner Zeit, eine Hauslehrerstellung an. Viele Lieder, die er später veröffentlichte, entstanden in diesen Jahren. Sie zeugen von einer intensiven, gefühlsbetonten und antirationalistischen Frömmigkeit und stehen im Kontext der romantischen Gegenbewegung gegen die Aufklärung und einer Rückbesinnung auf die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche.

Obwohl Spittas Sammlung Psalter und Harfe laut Untertitel „zur häuslichen Erbauung“, also für die Andachten einer Hausgemeinschaft, bestimmt waren, wurden die Lieder schon bald in Gesangbücher für den Gottesdienst in der Kirche übernommen, zumal sie alle auf bekannte Kirchenliedmelodien singbar waren.

Form

Die sieben Strophen des Pfingstliedes bestehen aus acht jambischen, dreihebigen Zeilen, die sich abwechselnd weiblich und männlich reimen. Dieses Strophenschema ist in der Kirchenlieddichtung häufig. O komm, du Geist der Wahrheit wurde in der Vergangenheit mit verschiedenen Melodien dieser Strophenform gesungen.

Inhalt

Das lyrische Wir des Liedes ist die Gemeinde. Adressat ist (explizit nur in den Strophen 1–3, 5 und 7) der Heilige Geist, um dessen kraftvolles Kommen gebeten wird. Als Hintergrund der Bitte beschreibt das Lied eine glaubensarme (europäische) Christenheit, die umkehren und, angespornt durch das Beispiel der neubekehrten „Heiden“ und unbeeindruckt von „aller Feinde Toben“, das Evangelium verkünden soll. Der damals im Zuge des Kolonialismus sehr aktiven Mission in fernen Kontinenten wird damit das Anliegen der inneren Mission, der Glaubenserneuerung in Deutschland und Europa, zur Seite gestellt.

Text

Melodie

Die heute in allen Gesangbüchern dem Lied zugeordnete gehört ursprünglich zum Abschiedslied Entlaubet ist der Walde von Thomas Stoltzer (1475–1526) und war in der Urfassung sehr stark durch Melismen ausgeschmückt. Trotzdem wurde sie hoch populär, mit Chorsätzen von Ludwig Senfl und Caspar Othmayr. Dazu auch kamen auch bald die ersten geistlichen Umdichtungen Ich dank dir, lieber Herre (Johann Kolrose um 1535) und Lob Gott getrost mit Singen (Johann Horn 1544). Zur Umdichtung Herr Jesu, Licht der Heiden (Johann Franck 1653) bearbeitete Johann Crüger die Melodie zu einem einfacheren Rhythmus und ließ nur das schwungvolle Schlussmelisma stehen. Auch die älteren Texte wurden auf Crügers Version gesungen. Ihre Lebhaftigkeit entspricht der dringenden Bitte um den lebenspendenden Geist.

Verbreitung

O komm, du Geist der Wahrheit findet sich u. a. in folgenden kirchlichen Gesangbüchern, mit sieben Strophen nur dann, wenn nicht anders angegeben:

  • Eingestimmt (Alt-katholisch) Nr. 440, vier Strophen (1,2,4,7)
  • Evangelisches Gesangbuch Nr. 136
  • Feiern & Loben (Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden und Bund Freier evangelischer Gemeinden) Nr. 283, fünf Strophen (1–4,7)
  • Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche Nr. 253, fünf Strophen (1–4,7).
  • Gesangbuch der Evangelischen Brüdergemeine Nr. 376, sechs Strophen (1–4,6–7).
  • Mennonitisches Gesangbuch Nr. 320, vier Strophen (1,4,6,7)

Im aktuellen Gesangbuch der Neuapostolischen Kirche von 2005 ist das Lied nicht enthalten, wohl aber im Vorgänger Neuapostolisches Gesangbuch von 1925 unter der Nr. 129 mit vier Strophen (1,3,4,7), mit folgenden Änderungen in der in diesem Gesangbuch dritten Strophe: … trotz aller Feinde Walten, trotz Widerchristentum zu predigen das alte Urevangelium! In dessen Vorgänger, das 1910 ebenfalls unter dem Titel Neuapostolisches Gesangbuch erschienen war, erschien das Lied ebenfalls unter der Nr. 129; unklar ist, mit wie vielen Strophen und ob die genannten Änderungen in der Ausgabe von 1925 auch hier schon existierten.

Literatur

  • Ulrich Parent, Joachim Stalmann: 136 – O komm, du Geist der Wahrheit. In: Gerhard Hahn, Jürgen Henkys (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Band 4. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-50325-3, S. 68–70. 
  • Karl Christian Thust: Die Lieder des Evangelischen Gesangbuchs. Band 1: Kirchenjahr und Gottesdienst (EG 1–269). Kommentar zu Entstehung, Text und Musik. Kassel u. a. 2012, ISBN 978-3-7618-2245-6, S. 239–242.

Weblinks

  • Nachweis von O komm, du Geist der Wahrheit in weiteren Gesang- und Liederbüchern, abgerufen am 18. Mai 2024.

Einzelnachweise


O komm, du Geist der Wahrheit (op. 49/ 9a) Andreas Wittkopf Noten

O komm, du Geist der Wahrheit EG 136 Accordi Chordify

O komm, du Geist der Wahrheit (Auskopplung aus der

O komm, du Geist der Wahrheit Edition SonatVerlag

O komm, du Geist der Wahrheit (Pfingstlied) Johann (Jakob) Heinrich